
Kurz vor ihrem Amtsjubiläum fand sich IOC-Chefin Kirsty Coventry im nächsten Wutsturm wieder. Mit der Bemerkung auf ihrer ersten Ozeanien-Reise, sie halte nichts von der Bezahlung von Athleten bei Olympia, erzürnte die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees eine Reihe von Spitzensportlern. Ja, sie wisse um die Brisanz der Preisgelddebatte, beteuerte Coventry bei ihrem nächsten Auftritt. "Sonst würden wir ja unsere Köpfe unter dem Kissen verstecken", sagte die 42-Jährige.
Auch nach einem Jahr an der IOC-Spitze hat die Schwimm-Olympiasiegerin aus Simbabwe mit den Untiefen des Weltsports bisweilen noch ihre Mühe. Und der nächste Zündstoff liegt schon bereit, wenn Coventry den Ringe-Zirkel am Mittwoch und Donnerstag in Lausanne zur außerordentlichen Generalversammlung bittet. Auf der Agenda stehen dann Kernpunkte ihres Reformprogramms unter dem Titel "Fit für die Zukunft".
Schlankeres Programm bei Olympia
So sollen die IOC-Mitglieder beschließen, dass das Programm bei Sommer- und Winterspielen künftig nach einzelnen Disziplinen und nicht mehr pauschal mit kompletten Sportarten komponiert wird. Statt zum Beispiel Schwimmen in seiner Gesamtheit würden also Beckenwettbewerbe, Freiwasser, Wasserball, Wasserspringen und Synchronschwimmen einzeln bewertet.
Global attraktive Wettbewerbe mit einem möglichst breiten Teilnehmerfeld aus vielen Teilen der Welt hätten künftig deutlich bessere Chancen auf einen Platz bei Olympia als Nischen-Events, wenn diese womöglich sogar noch teure eigene Wettkampfstätten benötigen.
Ziel der Pläne einer von Coventry eingesetzten Arbeitsgruppe ist es, von den Spielen 2032 in Brisbane an wieder ein deutlich verknapptes Wettkampfprogramm zu sichern. "Wir haben sehr genau erkannt, dass wir nicht immer weiter wachsen können: größer, größer, größer", sagte Coventry. Olympia sei das "wichtigste Gut" des IOC.
Widerstand der von Kürzungen bedrohten Weltverbände und aus der Sportlergemeinde ist programmiert. Moderne Fünfkämpfer und Nordische Kombinierer bangen schon länger um ihre olympische Zukunft, jetzt könnte es auch Geher und Alpin-Snowboarder treffen. Sogar Deutschlands wichtigste Medaillensammler im Pferdesport und im Eiskanal dürfen sich nicht völlig sicher fühlen. "Wir sind der Meinung, dass wir die Kontrolle über das Programm zurückgewinnen müssen. Wir sind hier verantwortlich, das ist unser Produkt", erklärte Coventry.
IOC-Chefin ringt um Profil
Mit Sätzen wie diesen will die erste Frau im IOC-Topjob auch ihr Profil als Anführerin der olympischen Welt schärfen. Nicht jeder Auftritt war ihr in den ersten zwölf Monaten gelungen. Ihr Umgang mit dem Fall des ukrainischen Skeleton-Piloten Wladislaw Heraskewytsch, der bei den Winterspielen in Italien ein Startverbot wegen seines Helms mit Bildern von Kriegsopfern erhielt, brachte Coventry viel Kritik ein. Vor laufenden Kameras weinte die IOC-Chefin, doch am Ausschluss des Ukrainers änderte sie nichts.
Wenige Tage später entglitt ihr dann die Abschluss-Fragestunde der internationalen Medien. Dreimal musste Coventry gestehen, keine Kenntnis von aktuellen Debattenthemen im IOC-Umfeld zu haben. "Vielleicht muss ich jemanden entlassen, weil ich dazu wieder nichts sagen kann", sagte sie wohl nur halb im Scherz. So mancher Beobachter raunte da, dass so etwas ihrem Amtsvorgänger Thomas Bach nicht passiert wäre.
Heikle Debatte um Preisgeld
Auch im verminten Gelände der Preisgeld-Frage wirkte Coventry zuletzt nicht ganz trittsicher. Die umstrittenen "Enhanced Games", bei denen Teilnehmern auch der Einsatz von Doping erlaubt ist, hatten die Diskussion um die Vergütung von Athleten mit ihrer ersten Auflage in Las Vegas neu befeuert. Starter wie der deutsche Schwimmer Marius Kusch konnten dort einen Siegerbonus von 250.000 Euro abräumen.
Für Coventry ist das kein Vorbild für Olympia. Zu klein sei die Zahl derer, die davon am Ende profitieren würden, argumentiert sie. "Bei den Olympischen Spielen habe ich das Gefühl, dass wir eine größere Verantwortung tragen, Wege zu finden, um jeden olympischen Athleten, der zu den Spielen kommt, direkt zu unterstützen", sagte Coventry.
Der Südafrikaner Roland Schoeman, wie Coventry 2004 in Athen Olympiasieger im Schwimmen, konterte: "Das IOC ist von der Idee der olympischen Werte begeistert - solange von den Athleten als Einzigen erwartet wird, finanzielle Opfer zu bringen." Cameron McEvoy aus Australien, der vor zwei Jahren in Paris Gold über 50 Meter Freistil holte, kritisierte Coventry unter Verweis auf die "Enhanced Games": "Für diese Aussagen gab es keinen ungünstigeren Zeitpunkt."
Im Sinne von Trump: Geschlechtertests bei Frauen
So richtig gebrauchen kann die IOC-Präsidentin diesen Wirbel gerade nicht. Will sich Coventry doch vor allem als oberste Vertreterin der Athletinnen und Athleten darstellen, immer wieder betont sie ihre eigene Vergangenheit im olympischen Schwimmbecken. Wohl auch deshalb zeigt sie bislang weniger Interesse als Bach an großer Sportdiplomatie in einer zerrissenen Welt, das Kerngeschäft Olympia ist ihr Fokus.
Das von Bach angeschobene Projekt E-Sport-Olympia hat Coventry auf Eis gelegt. Die Zukunft der Olympischen Jugendspiele erscheint derzeit völlig offen. Auch mit der langjährigen Linie in der Frauen-Kategorie hat Coventry gebrochen. Künftig werden ganz im Sinne des nächsten Olympia-Gastgebers Donald Trump einmalig Geschlechtertests von Sportlerinnen verlangt, Transfrauen ist der Start in Frauen-Wettbewerben in Los Angeles 2028 untersagt.
Die Sonder-Session in dieser Woche soll nun den weiteren Kurs für die verbleibenden sieben Jahre von Coventrys Amtszeit vorgeben, heißt es aus dem IOC: "Das ist nicht die Ziellinie, sondern ein wichtiger Moment, um die Richtung der Organisation festzulegen."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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