
Dass etwas Schlimmes geschehen war, bemerkten am Montagabend selbst absolute Fußball-Muffel. Es war immer noch heiß in Deutschland, und darum standen viele Fenster offen. Irgendwann fiel auf, dass es still geworden war da draußen. Sehr still. Kein Jubel bei den Nachbarn. Kein Autokorso auf der Straße. Auch wer von sämtlichen modernen Kommunikationsmitteln abgeschnitten gewesen wäre, hätte doch wissen können, was da gerade auf der anderen Seite des Atlantiks passiert war. Deutschland war draußen.
WM-Aus im Sechzehntelfinale. Dieses Wort sagt eigentlich schon alles. Sechzehntelfinale ist sehr weit vom Finale entfernt. "It's official: Germany are no longer a soccer super power", titelte die Sportnachrichten-Website ESPN. Deutschland hatte an diesem Abend aufgehört, eine Fußball-Großmacht zu sein. Der Traum vom Sommermärchen 2.0 war zu Ende.
Welches Spiel hat der Kanzler gesehen?
Der Tag danach begann mit einem Post des Bundeskanzlers aus der Nacht, bei dem sich viele fragten, welches Spiel er gesehen hatte. "Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel", schrieb Friedrich Merz auf dem offiziellen Kanzler-Account. "Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch."
Danach trendete auf X die Wortkombination "Welches Spiel". Die politische Konkurrenz reagierte mit Spott. "Ich weiß gar nicht, was schlimmer war. Das Spiel oder diese Analyse", ätzte die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die AfD höhnte, Merz habe sich offenbar so sehr ans Schönreden gewöhnt, dass er gar nicht mehr anders könne. In einem zweiten Post konterte der Kanzler: "Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark."
Von Merz wird am Ende dieser WM wohl nur ein Bild bleiben: Wie er beim G7-Gipfel US-Präsident Donald Trump ein Deutschland-Trikot zu seinem 80. Geburtstag überreicht. Der freute sich nur mäßig darüber, lächelte kurz, und legte das Geschenk schnell wieder zur Seite.
BAP-Sänger Wolfgang Niedecken (75) hat keine ganz leichte Nacht hinter sich. "Wir waren unterm Strich einfach nicht gut genug", konstatiert er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Gut, wenn das aberkannte Tor in der Verlängerung gegeben worden wäre, sähe jetzt alles anders aus. "Aber klar, drei verschossene Elfmeter, das ist einfach zu viel. Da gibt's nichts zu beschönigen", räumt er ein. Aber jetzt auf Trainer und Spieler eindreschen, das liegt ihm auch nicht. "Das ist irgendwo ungerecht. Und billig."
Die WM als Stimmungsaufheller fällt aus
Ein WM-Erfolg wäre wohl genau das gewesen, was Deutschland jetzt gebraucht hätte. Schließlich hat das Land schon genug Probleme. Jetzt könnte dem Land ein Depri-Sommer drohen. Nach dem Motto: Wir können wohl gar nichts mehr. Die Wirtschaft in den roten Zahlen, die Regierung im Umfragetief und nur die Benzinpreise oben.
"Wir sind im Tal der Tränen, das ist eine Tatsache", analysiert der Politologe Jürgen Falter. "Und wenn unsere Mannschaft jetzt bei der WM weit gekommen wäre, dann hätte das die Stimmung aufhellen können. Das fällt durch die verballerten Elfmeter jetzt aus. Wir bleiben im Sommer-Horror-Märchen."
Deutschland sei gesellschaftlich gesehen in einer Art Nachspielzeit, analysiert der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Kölner Rheingold-Instituts und Autor des Buchs "Wir Krisenakrobaten". "Das heißt: Die Nation hat lange Zeit auf "Halten" gespielt, nicht nur fußballerisch, sondern gesellschaftlich."
Die Vorstellung von Deutschland als einer Insel des Wohlstands und der Stabilität sollte noch ein klein wenig länger festgehalten werden - auch wenn mit Corona-Krise, Ukraine-Krieg und Rezession schon lange die drastische Wirklichkeit in diese Blase eingebrochen war. Kurz vor WM-Beginn wurde dieses Krisenbewusstsein aber noch einmal zur Seite geschoben. Der Zeithorizont war jetzt nur noch das Turnier - Sommer, Fußball, gute Laune. "Und jetzt sind wir jäh aus diesen Träumen herausgerissen worden."
In Phasen des Umbruchs wurde Deutschland Weltmeister
Wenn man zurückschaue, sehe man, dass Deutschland immer dann Weltmeister geworden sei, wenn es sich in einer gesellschaftlichen Aufbruchsphase befunden habe: 1954 beim "Wunder von Bern" hatte gerade das Wirtschaftswunder eingesetzt. 1974 fiel in eine Zeit der demokratischen Erneuerung unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt.
1990 war das Jahr der deutschen Einheit. "Und 2014 war der Höhepunkt der saturierten Merkel-Jahre, als wir uns gleichsam im Auenland wähnten. Jetzt dagegen sind wir in einer Situation, in der wir auf allen Ebenen spüren: Das Land ist blockiert."
Wie kommt Deutschland aus diesem Tief nun wieder heraus? Erstmal braucht es eine Phase der Trauer, des Verarbeitens. "Das ist wichtig", sagt Grünewald. "Abschied nehmen von dem Traum, dass wir eine grandiose WM spielen." Und dann? "Wichtig wäre, dass wir in eine Zeit des Erwachens kommen. Dass wir die Realitäten anerkennen und Probleme wirklich angehen. Das geht sicher nicht ohne schmerzhafte Veränderungen." Im besten Fall hätte das WM-Aus dann einen Schockeffekt mit heilender Wirkung.
Was das Land jetzt braucht, ist Aufbruchsstimmung
Was jetzt überhaupt nichts nütze, sei, mit dem Finger aufeinander zu zeigen und Schuldige durchs Dorf zu treiben, warnt Grünewald. Aufbruchsstimmung erzeuge man nur, wenn man aufeinander vertraue und die Dinge mit einem klaren Ziel vor Augen gemeinsam anpacke. In der Politik setze das ein Gerechtigkeitsprinzip voraus - bei den Reformen müssten alle mitmachen, keiner dürfe ausgenommen und geschont werden.
Ein bisschen Aufbruch gab es ja schon - in der vergangenen Woche nach der Vorstellung der Pläne zur Rentenreform. Die Pläne, die allgemein viel Zustimmung gefunden hätten, seien ein Anfang, sagt Politik-Professor Falter. "Wenn sie jetzt auch noch die Einkommenssteuer-Reform hinbekommen, dann könnte das Fußball-Debakel bald schon in Vergessenheit geraten - dann wäre das nur noch ein böser Traum in einer viel zu heißen Sommernacht."
Wolfgang Niedecken hat noch eine aufbauende Botschaft parat. "Was heißt hier alles depri?", fragt er. "Ich bin zuallererst Fußball-Fan. An zweiter Stelle bin ich Fan des 1. FC Köln. Und an dritter Stelle Fan der Nationalmannschaft. Leute, in erster Linie geht es hier um Fußball. Und der Fußball ist nicht zu Ende. Die WM geht weiter. Ich freue mich noch auf viele schöne Spiele."
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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