
Mit der Geburt des ersten Kindes fingen die Probleme an: Martin fühlte sich von Ella vernachlässigt, sexuell und generell. "Du kümmerst dich zu viel um das Kind und zu wenig um mich", schrie er sie an. Oder: "Ständig musst du das Baby wickeln." "Du bist keine richtige Mutter." "Du weißt nicht, wie es geht."
Martin habe angefangen, Ella zu schubsen, ihr mit der Faust auf den Oberarm zu schlagen, erzählt Barbara Wittel von Pro Familia in Stuttgart. Die blauen Flecke habe keiner bei der 28-Jährigen gesehen.
Ella, die in Wirklichkeit anders heißt, ist eine von Zehntausenden Frauen in Deutschland, die unter häuslicher Gewalt leiden oder gelitten haben. Zuletzt stieg die bundesweite offizielle Zahl der Opfer um 3,8 Prozent auf 265.942 im Jahr 2024 - bei knapp zwei Drittel davon (64,3 Prozent) handelte es sich laut Bundeskriminalamt (BKA) um Partnerschaftsgewalt. Zahlen für das vergangene Jahr liegen demnach bisher nicht vor.
Die von der Polizei registrierten Übergriffe bilden allerdings nur einen verschwindend kleinen Teil der verübten Gewalttaten ab. Das zeigen die Daten der sogenannten Dunkelfeldstudie im Auftrag der Bundesregierung. So hatte rund jeder sechste Befragte in seinem Leben körperliche Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner erfahren. Allerdings gingen nur rund drei Prozent der Betroffenen später zur Polizei. Doch warum bleiben Frauen in gewaltvollen Beziehungen - auch jenseits von wirtschaftlichen Zwängen?
Täter verwenden klare Strategien, um Frauen an sich zu binden
"Wenn natürlich eine Frau finanziell unabhängig ist, hat sie es sehr viel leichter, vielleicht in einer anderen Stadt einen Job zu finden, sich ein neues Leben aufzubauen", sagt Wittel, Geschäftsführerin in Stuttgart. "Aber der finanzielle Aspekt kommt nach dem emotionalen Aspekt." Die Frau müsse auch unabhängig von der wirtschaftlichen Situation in der Lage sein, diese Schritte zu gehen - sich vom Partner zu lösen.
Laut einer Studie der britischen Cambridge-Universität verwenden Täter klare Strategien, um Frauen emotional an sich zu binden und zu verunsichern. Demnach überschütten sie ihre Partnerinnen zunächst mit viel Hingabe und Liebe, dann verhalten sie sich grausam, später oft gewalttätig - und dazwischen immer wieder extrem liebevoll.
"Diese Beziehungen beginnen mit Verzauberung"
"Diese Beziehungen beginnen mit Verzauberung", sagt Hauptautorin Mags Lesiak. "Der darauffolgende Zwang und Missbrauch ist so verwirrend, dass die Opfer verzweifelt versuchen, das anfängliche Bild ihres Peinigers aufrechtzuerhalten."
Liebe werde erzeugt und dann als Waffe eingesetzt, um eine Form psychischer Gefangenschaft zu schaffen. "Wie bei den Opfern in dieser Studie kann dies Frauen auch ohne physischen oder finanziellen Zwang an ihre Peiniger binden", sagt die Kriminologin.
Täter nutzen Kindheitstraumata gegen die Frauen
Alle für die Studie interviewten 18 Frauen hätten zudem von Kindheitstraumata berichtet, von distanzierten Eltern bis hin zu sexuellem Missbrauch, so Lesiak. Die Täter hätten wiederum diese und ihre eigenen Kindheitstraumata dazu benutzt, die Frauen abzuwerten oder vor anderen in Verlegenheit zu bringen. Wenn es darum gehe, das Fortbestehen missbräuchlicher Beziehungen zu erklären, unterstreiche die Studie - publiziert im Fachblatt "Violence against women" - die Notwendigkeit, sich auf die Strategien der Täter zu fokussieren, anstatt auf Defizite der Opfer.
Neue Perspektive wichtig für die Forschung
Paola Delgado Klamroth vom Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen betont, dass die Studie eine neue Perspektive einführe, die in der Forschung berücksichtigt werden sollte. "Es geht um die komplexe psychische Manipulation durch den Täter aus Sicht der Opfer, was auch sehr bereichernd für das Verständnis, die Prävention und die Behandlung von Opfern von häuslicher Gewalt ist", sagt sie. Natürlich seien Ergebnisse solcher Studien nicht immer verallgemeinerbar.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Täterarbeit Häusliche Gewalt lobt den Ansatz der Studie. Sie leiste einen Beitrag für ein besseres Verständnis von Gewaltdynamiken in Paarbeziehungen und mache deutlich, wie wichtig der Einbezug von Betroffenenperspektiven in der Forschung ist, schreibt die BAG.
"Aufgrund der geringen Stichprobengröße lassen sich aus unserer Sicht allerdings nur schwer generalisierbare Erkenntnisse ableiten", heißt es weiter. "Die Schlussfolgerungen auf Basis der zitierten Interviewpassagen erscheinen in Anbetracht der Komplexität des Themas zum Teil etwas gewagt." So weist die BAG darauf hin, dass es schwierig sei, aus den Erkenntnissen von 18 Interviews klare Täterprofile oder bestimmte Mechanismen als Kernelemente von Zwangskontrolle abzuleiten.
Frau darf keine eigene Meinung mehr haben
Die Stuttgarter Pro Familia-Expertin Wittel kennt die in der Studie genannten Strategien auch aus ihrer Praxis. Der erste Hinweis auf eine toxische Beziehung sei, wenn die Frau keine eigene Meinung mehr haben dürfe, sagt die Traumatherapeutin. "Das würde die Differenz zwischen zwei Personen zeigen, und die wird überhaupt nicht ausgehalten." Stattdessen müsse sich die eine Person der anderen unterordnen.
Um Frauen aus ihren gewalttätigen Beziehungen herauszuhelfen, brauche es vor allem einen Kontakt zu einer anderen Person, sagt Wittel. Jemand, der ihnen Mut mache, der sage: Ich sehe dich. In den seltensten Fällen würden Frauen von sich aus ins Frauenhaus kommen. "Einen Kontakt außerhalb des Systems zu haben, das wäre manchmal lebensrettend." Meistens seien die Frauen durch die Partner von ihren Familien und Freunden isoliert worden.
Im Fall von Ella führte letztlich eine zweite Schwangerschaft die junge Frau zu Pro Familia. Sie ließ die Schwangerschaft beenden, sagt Wittel. Noch ein Kind mit Martin habe sich Ella nicht vorstellen können. Nach dem Abbruch setzte die junge Frau die Beratung fort. Sie habe sie darin unterstützt, ihren Partner zu verlassen und einen sicheren Ort zu finden, sagt Wittel. Die Frau lebt heute mit ihrem Kind in einem Frauenhaus.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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