
Wer sich in diesen Tagen durch das Fernsehprogramm zappt, wird auf eine deutlich erhöhte Tusch-Dichte stoßen. Die Tage vor Rosenmontag, dem hohen Feiertag für alle, die es mit Karneval, Fastnacht und Fasching halten, gelten als Hochphase sogenannter Fernsehsitzungen.
Die Inszenierung ist erprobt: Büttenredner, Tanzgruppen und Musiknummern treten in festlich geschmückten Sälen auf, während Kameras die Pointen und die folgenden Tuschsignale für ein bundesweites Publikum einfangen.
Für die einen ist Fernsehkarneval dabei ein Stück Heimat im Wohnzimmer, für die anderen eine recht sonderbare und nicht enden wollende Schunkelorgie. Kurz gesagt: Das närrische Programm spaltet das Publikum zuverlässig in Fans und Fluchtwillige. Auf welche Seite kann man sich da schlagen? Das ist der Versuch einer Einordnung.
Pro: Warum Karneval im Fernsehen toll ist
Reichweite und Barrierefreiheit
Nicht jeder kann oder will in vollen Sälen schunkeln. Angeschlagene, ältere Menschen oder Leute, die fernab der sogenannten närrischen Hochburgen (Köln, Düsseldorf, Mainz, Franken) leben, können durch Fernsehsitzungen dennoch Teil einer Tradition sein.
"Karneval ist ein Brauch, dem sich Millionen Menschen zugehörig fühlen. Und zwar nicht nur in Köln und Mainz, sondern – dort wird man es kaum glauben – auch in Brandenburg oder Thüringen. Manche Sportart wäre froh, wenn sie so viele Fans hätte", sagt der Karnevalsexperte Wolfgang Oelsner. Allein "quantitativ" ergebe es also Sinn, dieses Programm anzubieten.
Kulturelles Archiv
Fernsehsitzungen halten Bräuche - von kunstvollen Tänzen bis zu skurrilen Ritualen - fest, die sonst vielleicht in Vergessenheit geraten würden. Auch wird wohl in keiner anderen TV-Sparte noch so viel Mundart gesprochen, manchmal auch zum Leidwesen Unkundiger.
"Fernsehaufzeichnungen haben auf jeden Fall eine sehr große Bedeutung für den Karneval", sagt der Leiter des Kölner Rosenmontagszugs, Marc Michelske. Auch in einem historischen Sinne. Noch heute könne man sich Büttenreden aus vielen Jahrzehnten anschauen. "Gleichzeitig sind sie immer ein Spielbild der Gesellschaft", sagt er. "Wer dort sitzt, wie er dort sitzt". All das bleibe erhalten, und alle könnten es sehen.
Andersartigkeit in der TV-Landschaft
Kaum jemand wird bestreiten, dass sich Fernsehsitzungen - ganz neutral formuliert - deutlich von der übrigen TV-Landschaft abheben. Ein Grund dafür ist auch das beteiligte Personal. "Was man nicht außer Acht lassen sollte: Karnevalssitzungen werden zum allergrößten Teil von Laien gestaltet. Auch die, die im Fernsehen zu sehen sind. Wo gibt es so etwas noch im deutschen TV?", sagt Karnevalsexperte Oelsner. Er finde das charmant und bewahrenswert.
"Goethe hat mal geschrieben: "Der Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt."", sagt der Experte, der damit auch mal flugs Deutschlands Dichter-Gott in die Karnevalsdebatte einführt. "Das erinnert uns daran."
In der Tat ist nur schwer vorstellbar, wie ohne TV-Karneval ein Mann wie "der singende Dachdeckermeister" Ernst Neger aus Mainz zu einer Art Superstar der Stimmungsmusik hätte werden können. Als er 1964 bei "Mainz wie es singt und lacht" erstmals sein "Humba Täterä" vortrug, soll das Saalpublikum vor Freude derart außer Kontrolle geraten sein, dass die Sendezeit um eine Stunde verlängert wurde. Und vor dem Fernsehen schunkelten viele mit.
Contra: Warum Karneval im Fernsehen nicht so toll ist
Regionales versus bundesweites Publikum
Viele Bräuche, Dialekte oder Insider-Witze werden von Zuschauern außerhalb der närrisch geprägten Regionen nur schwer verstanden. Was bei "Kölle Alaaf - Die Mädchensitzung" urkomisch wirkt, lässt Zuschauer aus Schleswig-Holstein oder Brandenburg bisweilen ratlos zurück.
Legendär geworden sind Szenen von Angela Merkel während des Besuchs von Karnevalsgruppen im Kanzleramt. Man tritt der gebürtigen Hamburgerin und Ex-Kanzlerin nicht zu nahe, wenn man ihr Lächeln beim Anblick eines wirbelnden Funkenmariechens als ein wenig bemüht einstuft.
"Dass es Menschen in Deutschland gibt, die mit Karnevalssendungen gar nichts anfangen können, ist natürlich auch klar", sagt Karnevalsforscher Oelsner. "Auf diese muss die ganze Inszenierung sehr sonderbar wirken."
Humor
Büttenreden gelten - vorsichtig ausgedrückt - humormäßig nicht als Hort des Fortschritts. Veganer haben es schwer, Schwiegermütter ohnehin. Viele Themen kehren dabei immer wieder. Umso aufgeregter wird in der närrischen Szene diskutiert, wenn sich mal Widerspruch gegen einen Witz regt.
Als der Komiker und Karnevalsredner Bernd Stelter 2019 einen Witz über Doppelnamen machte, stürmte eine Frau die Bühne, die damit nicht einverstanden war. Der "Kölnischen Rundschau" sagte sie später: "Ich habe selbst einen Doppelnamen und muss das nicht über mich ergehen lassen."
Der Journalist Bernd Graff rief 2012 in der "Süddeutschen Zeitung" mal zum offenen Widerstand auf. "Liebe Närrinnen und Narrhallesen, tut euch endlich bitte etwas Gutes: Bildet Banden, verbrüdert euch gegen die leblose Satire, verbittet euch die pointenfreien Uralt-Schenkelklopfer, das verbogene Hochdeutsch, wenn es gesunden Dialekt gibt, die gekünstelten Witze, die man nur bemerkt, weil eine Kapelle tuscht", schrieb er. Wie bei einer Weihnachtsansprache merke man doch gar nicht mehr, ob eine gerade laufende Karnevalssendung nicht auch schon vor einem oder gar vor zehn Jahren ausgestrahlt worden sei.
Karnevalsforscher Oelsner hat für die Humorfarbe auch eine Erklärung. "Eliten-Diskurse schlagen sich immer zeitversetzt in der Volkskultur nieder. Und der Karneval ist Volkskultur", sagt er. "Es ist also nur logisch, dass auch Witze, über die manch einer schon vor ein paar Jahren gelacht hat, zeitverzögert im Karneval ankommen."
Verlust der Atmosphäre
Das echte Karnevalsgefühl – der Geruch von Schmalzgebäck, das gemeinsame Singen - lässt sich durch Kameras nur schwerlich übertragen. "Natürlich ist es schwierig, über den Bildschirm zu transportieren, was Karneval originär bedeutet", sagt Oelsner. "Dafür ist eine Karnevalssitzung für das Fernsehen nicht gemacht." Marc Michelske, Leiter des Kölner Rosenmontagszugs, betont indes, dass es zumindest für die Karnevalisten im Saal keinen so großen Unterschied mache, ob das Fernsehen dabei sei. "Wir halten die Wege für die Kameras frei, aber ansonsten unterscheidet sich so eine Sitzung nicht von der ganz normalen."
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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