
Julian Nagelsmann schlenderte gerade über den Platz und schaute sich ganz genau die ersten Übungen von Manuel Neuer bei den Torwartübungen an, da herrschte im Mittelkreis ein großes Gerangel. Als wilde Horde liefen Kapitän Joshua Kimmich und seine Kollegen im Spry Stadium beim Abschlusstraining durcheinander. Schubsen, standhaft bleiben, die Physis stärken - und dabei lachen. Mittendrin war auch Nathaniel Brown, der zuletzt angeschlagen fehlte. Auch der Youngster scheint startklar.
Sinn und Zweck der Übung mit viel Körperkontakt waren leicht erkennbar: Wir sind bereit für Paraguay. Wir halten dagegen, wenn es darauf ankommt. Das suggerierten der Bundestrainer und seine WM-Kräfte vor dem ersten K.-o.-Spiel der Fußball-Nationalmannschaft bei einer WM seit dem Titelgewinn von Rio de Janeiro vor zwölf Jahren am Montag (22.30 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Foxborough.
Deutschland ist wieder auf dem FIFA-Tableau für die Alles-oder-nichts-Spiele. Jetzt, bitte schön, Schluss mit allen Zweifeln. Rudi Völler hatte schon den Ton gesetzt - allerdings noch ungewöhnlich defensiv. "Ich glaube nicht, oder ich hoffe nicht", sagte der DFB-Sportdirektor. Die Frage lautete, ob man sich nach dem tabellarisch belanglosen, aber fußballerisch beunruhigenden 1:2 zum Gruppenabschluss gegen Ecuador gegen das nächste Mentalitäts-Team aus Südamerika Sorgen machen müsse.
Völler spricht von "Glaube" und "Hoffnung"
Nach den Vorrunden-Desastern 2018 und 2022 soll der WM-Traum auf keinen Fall schon wieder viel zu früh enden. "Glaube" und "Hoffnung", diese Begriffe prägten Völlers Ausführungen. Nicht Optimismus oder Siegesgewissheit. Wer richtig selbstbewusst ist, wie die Argentinier mit dem WM-Rekordtorschützen Lionel Messi oder die traumwandlerisch treffenden Franzosen, der spricht nicht mit so vielen Einschränkungen über den angestrebten Erfolg.
Dabei sollte Völler in seinem Spezialgebiet aktiv sein, als Mutmacher für die deutschen WM-Interessen und Anwalt von Nagelsmann. Ein Sieg gegen den Weltranglisten-37. Paraguay und der viel besungene WM-Zug nimmt ganz sicher wieder an Tempo auf - diese Botschaft blieb eher im Vagen.
Viel drastischer hatte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig im Interview bei MagentaTV die offenbar angespannte Gemütslage beschrieben. "Wir wissen, dass wir nun das Messer am Hals haben in den K.o.-Spielen", sagte der 63-Jährige. So viel öffentliche Verbal-Dramatik ist nicht im Interesse Nagelsmanns, für den in seinem 37. Länderspiel sehr viel auf dem Spiel steht. Nach Joachim Löw 2018 und Hansi Flick 2022 dürfte ein Bundestrainer nach einer krassen WM-Enttäuschung wohl kein drittes Mal bleiben.
Foxborough als Startpunkt, nicht als Endpunkt
Für Nagelsmann könnte sich zur Unzeit ein Kreis schließen. In Foxborough hatte er unweit des WM-Stadions 2023 die Nationalmannschaft auf seine ersten Länderspiele als Bundestrainer vorbereitet. Wie lange das schon her ist, belegt die Tatsache, dass die heutigen TV-Experten Thomas Müller und Mats Hummels damals noch zu den Spielern in seinem ersten Kader zählten.
Auch Völler stand damals mit einem Trikot der New England Patriots am Trainingsplatz. Jetzt muss er die Ablenkungen durch den US-Sport DFB-Boss Bernd Neuendorf überlassen, der beim Baseball-Spiel der Boston Red Sox gegen die New York Yankees den symbolischen ersten Ball werfen sollte.
Völler hat andere Themen. Die paar Prozentpunkte, die gegen Ecuador angesichts der geklärten Ausgangslage fehlten, die würden jetzt schon wiederkommen, versicherte er. "Es wird jetzt natürlich ganz anders sein. Es geht um ein K.-o.-Spiel. Da geht es um alles, um eine Runde weiterzukommen oder nach Hause zu fahren. Das wissen die Spieler", sagte er.
Völlers Ansage an Wirtz, Musiala und Havertz: "Liefern"
Ohne jede Einschränkung nahm der Weltmeister von 1990 seine späten Nachfahren in der DFB-Offensive in die Pflicht. Kai Havertz und im Besonderen Jamal Musiala und Florian Wirtz, die Zauberer in Kurzarbeit, müssen nun "zünden", forderte der 66-Jährige. "Um die ganz großen Ziele zu erreichen, müssen diese Spieler liefern. Sie wissen auch, dass noch Luft nach oben ist", sagte Völler. "Jetzt geht die WM richtig los", verkündete er.
Eine weitere Völler-Forderung: weniger Ballverluste im Mittelfeld. Diese Schwachstelle hätten die Gegner erkannt. Und in Paraguay wartet ein Team, das sich genau darauf ausrichten wird. Da muss man gegenhalten können. Also Kimmich von hinten rechts in die Zentrale vorziehen? Kein Thema, meinte Völler. Personell sorgt die Rückkehr von Linksverteidiger Brown nach Adduktorenproblemen für Erleichterung.
Elf Siege, aber kein Sieg-Selbstverständnis
Die Dramaturgie ist durchaus speziell. Ein einziger missratener Nachmittag gegen Ecuador hat gereicht, um die Grundstimmung wieder zu ändern. Zuvor elf Siege in Serie wiegen die Sorgen nicht auf. Die Nationalmannschaft bleibt unter Nagelsmann ein Konstrukt latenter Zweifel.
Rettig versicherte, dass man gegen Paraguay das Slowakei-Gesicht zeigen werde, nicht das Ecuador-Gesicht. Er meinte damit das 6:0 zum Abschluss der WM-Quali im November, vergaß aber womöglich, dass es zwei Monate zuvor ein verstörendes 0:2 gegen die Slowaken in Bratislava gegeben hatte. Welches Slowakei-Gesicht wird die DFB-Elf also zeigen gegen Paraguay?
Den konstruktiven Ton gab Kimmich vor: "Wir müssen die Dinge ansprechen, die wir nicht gut gemacht haben. Das wird der Trainer auch sicherlich tun. Und dann müssen wir unsere Schlüsse daraus ziehen." Für den Kapitän steht viel auf dem Spiel. Endlich darf er bei einer WM in einem K.-o.-Spiel ran. Da hätte er sich eine optimistischere Grundstimmung gewünscht.
Bei einem Ausscheiden vor dem Achtelfinale wäre der Gruppensieg kein Plus-Argument mehr. Wieder wäre das Kimmich-Deutschland nicht mehr dabei, wenn die letzten 16 Teams den WM-Titel ausspielen.
Paraguay-Erinnerungen
Aber Paraguay ist keine Fußball-Großmacht, kam nur als Gruppendritter hinter den USA und Australien weiter. Aber Paraguay weckt bei Völler Erinnerungen. Bei der WM 2002 waren die Südamerikaner auch der erste deutsche K.o-Gegner. Im Jeju World Cup Stadium von Seogwipo. In Südkorea erzielte Oliver Neuville in der 88. Minute den erlösenden Siegtreffer im Achtelfinale. "Da könnte ich diesmal auch sehr gut mit leben", sagte Völler. Prinzip Hoffnung, Hauptsache weiter.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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