
Wenn die so stolzen USA an diesem Samstag 250 Jahre Unabhängigkeit zelebrieren, werden Kanadas Fußballprofis den riesigen Feierlichkeiten nicht entkommen können. Denn statt als Gruppensieger über zwei weitere Wochen in der Wohlfühloase Vancouver bleiben zu können, müssen Alphonso Davies und Co. nach Rang zwei hinter der Schweiz die Ochsentour quer durch das Nachbarland antreten - und dort alle ihre weiteren WM-Spiele absolvieren.
US-Pathos statt Heimspiele
Am Samstag (19.00 Uhr) erwartet das Team von Jesse Marsch im Achtelfinale deshalb nicht nur Afrika-Cup-Sieger Marokko, sondern anlässlich des "Independence Day" auch jede Menge US-Pathos in Houston. Dabei wären die Kanadier gerne an der heimischen Westküste geblieben und hätten bei angenehmen 20 Grad den WM-Weg bestritten. Die riesige Unterstützung des euphorisierten Publikums wäre dem Co-Gastgeber sicher gewesen.
So euphorisch sich die USA und Kanada derzeit unisono für Fußball begeistern - als Ausrichter dieser ersten XXL-WM könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Während an vielen US-Standorten die sonst als Football-Arenen genutzten Stadien meilenweit von den offiziellen Austragungsorten weg sind, setzen die beiden Kanada-Städte Vancouver und Toronto auf Stadien im Stadtgebiet, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens zu erreichen sind.
Marsch sagte in Richtung Trump: "Hören Sie endlich auf"
Kanada blüht bei dieser WM auch stimmungsmäßig auf und im Mittelpunkt steht dabei häufig Cheftrainer Jesse Marsch. Der Amerikaner traute sich im Februar 2025 sogar, ein Wort an Präsident Donald Trump zu richten. "Wenn ich unserem Präsidenten eine Botschaft zukommen lassen möchte, dann diese: Hören Sie endlich mit dieser absurden Rhetorik auf, Kanada sei der 51. Bundesstaat", hatte Marsch gesagt, als Trump sich wiederholt zu dem Thema geäußert hatte.
Und der ehemalige Cheftrainer von RB Leipzig war mit seiner Ansage nicht fertig. "Als Amerikaner schäme ich mich für die Arroganz und die Missachtung, die wir einem unserer ältesten, stärksten und loyalsten Verbündeten entgegengebracht haben", schimpfte Marsch, der bei der WM voller Inbrunst Kanadas Hymne singt und mit der Hand stolz auf das Wappen klopft.
Nach dem späten 1:0-Sieg über Südafrika hatte der Trainer im großen Mannschaftskreis in Inglewood bei Los Angeles eine fast schon präsidiale Ansprache gehalten. Marsch agiert wie ein Fußball-Staatsmann.
Kanadas Premier im Stadion nahbar
Dabei bräuchten sie diesen gar nicht so dringend. Denn inmitten von Kanadas WM-Lauf inklusive der ersten Achtelfinalteilnahme überhaupt ist auch der Regierungschef präsent. Premier Mark Carney sah in Vancouver im schwarzen Kanada-Trikot zu und feuerte Marschs Team leidenschaftlich an. "Was ein Abend", schrieb Carney, als Kanada Katar fulminant mit 6:0 besiegte.
US-Präsident Trump war bis dato noch in keinem WM-Stadion - und man kann sich den mächtigsten Mann der Welt auch nur schwer in einem Trikot der US-Fußballer auf den Rängen vorstellen. Doch Carneys nahbarer Auftritt passt dazu, wie Kanada unter den drei Ausrichtern dieser WM den Gegenpol zu Nachbarland USA bildet.
Das Land präsentiert sich in den WM-Wochen grün, günstig und gastfreundlich. Letzteres gilt in den USA zwar auch für die Menschen, aber nicht unbedingt und überall für die zu bezahlenden Preise. Während eine Zugfahrt vom New Yorker Stadtteil Manhattan zum WM-Finalstadion nach East Rutherford umgerechnet rund 85 Euro (statt wie sonst zehn) kostet, sind die Preise für öffentliche Verkehrsmittel in Toronto und Vancouver stabil geblieben.
Völler lobt "schnuckeliges Stadion"
Und wer nicht Bahn fahren will, läuft die kurzen Wege in den beiden Städten zum Stadion. So wie die deutschen Fans, die vor dem 2:1-Erfolg gegen die Elfenbeinküste einen Fanmarsch bis zum "schnuckeligen Stadion" (Rudi Völler) in Toronto unternahmen.
Es war nicht nur sportlich die letzte schöne Erinnerung des DFB-Teams, das im Anschluss in East Rutherford auf eine gelbe Wand von Ecuador-Fans traf - und dann in Foxborough bei Boston gegen Paraguay ausschied.
Insgesamt 13 Spiele steigen in dem Land, das sich normalerweise nur für Eishockey begeistert. Doch in diesen Wochen ist alles anders. Selbst ein großes Wahrzeichen von Vancouver, die Science World gegenüber der Arena, ist seit Wochen in einen riesigen WM-Ball verwandelt. Derzeit dreht sich alles um den Fußball, zumal die Saison im Hockey, wie die Kanadier sagen, inzwischen beendet ist.
Schon der Wechsel von Ex-Weltmeister Thomas Müller nach Vancouver vor einem Jahr hatte das Interesse der Kanadier an Fußball vergrößert. Inzwischen säumen zehntausende Anhänger die Fanmeilen, wenn das Nationalteam bei der WM spielt. Am Samstag ist es wieder so weit. Gegen Marokko kann Kanada erstmals ins Viertelfinale einer WM einziehen.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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