
Die Renaissance des ruhenden Balles erhitzt bisweilen die Gemüter bis hin zur Übertreibung. So beklagte der einstige Feingeist Ruud Gullit ebenso wie Liverpools Trainer Arne Slot die Hässlichkeit des modernen Spiels. Gullit war nach der Begegnung des FC Arsenal gegen den FC Chelsea, in der alle Tore nach Ecken fielen, derartig bedient, dass er nie wieder Fußball schauen wollte. "Ich genieße es nicht mehr", sagte der niederländische Europameister von 1988.
Andererseits ist dort Bundestrainer Julian Nagelsmann, der eigens eine neue Stelle geschaffen hat, damit sich sein Assistent Mads Buttgereit komplett auf die Tüftelei bei Standards konzentrieren kann - sie könnten schließlich die WM im Sommer entscheiden. Und jener FC Arsenal, der die englische Premier League dominiert und fast die Hälfte seiner Siege durch Eckbälle errungen hat, ist auf dem Weg zur englischen Meisterschaft. Es gibt im Norden Londons sogar einen eigenen Fangesang zum Standard, oder auf Englisch: Set Piece.
Die Entwicklung
Dass Teams Standardsituationen, also Ecken, Einwürfen und Freistößen, eine hohe Bedeutung einräumen, ist absolut nichts Neues. Nehmen wir das Beispiel Stoke City: Die Mannschaft von Trainer-Guru Tony Pulis erzielte in der Premier League zwischen 2008 und 2013 satte 43 Prozent ihrer Tore, nachdem das Spiel tot war, also der Ball ruhte.
Als der dänische Club FC Midtjylland vom Sportwetten-Millionär und Daten-Nerd Matthew Benham übernommen wurde, hob man Standards auf ein ganz neues Level. Der bereits erwähnte Buttgereit wurde als Standardspezialist verpflichtet. Thomas Grönnemark, später im Trainerstab von Jürgen Klopp in Liverpool, bekam eine Anstellung als Einwurftrainer. Der FCM wurde erstmals Meister. Benham übernahm das Standardkonzept für seinen anderen Club Brentford, der mittlerweile in der Premier League spielt.
Was Teams wie Midtjylland und Stoke gemein hatten: Sie nutzten Standards, um spielerische Schwächen auszugleichen. Heutzutage sind es jedoch Top-Mannschaften wie Arsenal oder Chelsea, die zwar über hochbegabte Spieler verfügen, ihr Repertoire um Standards jedoch entscheidend erweitert haben.
Die Trainer
Nagelsmanns Assistent Buttgereit zählt zu den Größen der Szene. Doch in aller Munde ist gerade ein früherer Wegbegleiter. Nicolas Jover, zu Buttgereits Zeit in Midtjylland beim Schwesterclub Brentford in derselben Rolle, ist für die Standards des FC Arsenal verantwortlich. Manche sehen in ihm den Zerstörer des schönen Spiels, Gullit dürfte dazu zählen. "Ich sehe Spieler, die nur Eckbälle herausholen wollen", sagte Niederländer. "Fußball ist furchtbar geworden. Ich hoffe, das geht nicht so weiter." Buttgereit bezeichnet Jover hingegen als Genie.
"Unter ihm haben Standards eine andere Dimension bekommen", sagte der frühere Nationalspieler und Arsenal-Profi Shkodran Mustafi der "Süddeutschen Zeitung" über Jover. Standards haben einen doppelten Effekt, sie dienen mitunter auch als Abschreckung. Gegenspieler gehen vorsichtiger in Zweikämpfe, um keine Ecke zu riskieren. Das verschafft dem Angreifer mehr und womöglich entscheidenden Freiraum.
In Brentford stieg Standardtrainer Keith Andrews im Sommer zum Cheftrainer auf. Beim Bundesligisten 1. FC Union Berlin kümmert sich Sebastian Bönig bereits seit 2014 um die Standards. Die effektive Nutzung von Ecken und Freistößen hatte großen Anteil daran, dass der Hauptstadt-Club es von der 2. Liga bis in die Champions League schaffte.
Es geht allerdings auch anders: Nottingham Forest erzielte in der Saison 2024/25 die meisten Standard-Tore der Premier League - obwohl man als einer von wenigen Clubs auf einen Standard-Trainer verzichtete.
Die Rollen der Spieler
Ein Eckball ist heutzutage ein komplett durchgeplanter Spielzug. Ähnlich wie bei den Playbooks im American Football muss jeder Spieler den Ablauf kennen und verinnerlichen. Jeder hat seine Rolle. Da sind die Schützen, die In-Swingers (zum Tor hin) oder Out-Swingers (vom Tor weg). Da sind die Zielspieler, die den Ball am Ende ins oder zumindest in Richtung Tor befördern sollen. Daneben gibt es kleine Rollen. Es gibt Spieler, die nur durch ihre Laufwege für Ablenkung sorgen sollen. Da sind die Blocker, die den Gegner bearbeiten, deren Laufweg behindern und somit mehr Platz schaffen sollen.
Äußerst umstritten sind derzeit die Blocks gegen Torhüter im Fünfmeterraum. Slot und auch Leverkusens Trainer Kasper Hjulmand haben sich bereits über eine aus ihrer Sicht zu lasche Auslegung der Regeln beklagt. "Hier kannst du dem Torwart fast ins Gesicht schlagen", sagte Slot über die Premier League. Und Dortmunds Torhüter Gregor Kobel meinte: "Ich finde, die Blocks, die man im Moment stellen kann, sind aus Torwartsicht krass."
Die Nationalmannschaft
"Die Anzahl an Standardtoren ist eh schon extrem. Und ich befürchte, in Anführungszeichen, dass sie auch noch höher wird. Es gibt ja Teams, die schießen 50 Prozent ihrer Tore aus Standards", sagte Bundestrainer Nagelsmann. An seiner Mannschaft lässt sich die Entwicklung ablesen. Bei der Heim-EM 2024 erzielte man - Elfmeter ausgenommen - kein Tor nach einem Standard. In der folgenden Nations League lag man gleichauf mit Frankreich auf Platz eins. Und in der jüngsten WM-Qualifikation war man die erfolgreichste Mannschaft unter den Top-Nationen. Im Testspiel vergangene Woche in der Schweiz entstanden zwei der vier DFB-Tore aus ruhenden Bällen.
Als Schützen sind bei der Nationalelf David Raum, Joshua Kimmich und Florian Wirtz vorgesehen. "Er geht uns damit auch auf die Nerven", sagte Raum nicht ganz ernst gemeint über Buttgereit. Zur WM muss sich der Däne einige neue Varianten ausdenken.
Der FC Arsenal
Der Gold-Standard ist momentan zweifelsfrei der FC Arsenal. 21 Siege in 31 Spielen hat der Spitzenreiter in der Premier League bisher geholt, bei neun davon gelang das entscheidende Tor nach einer Ecke. Arsenal erzielt rund 35 Prozent seiner gesamten Tore nach ruhenden Bällen - der Durchschnitt der Liga liegt in dieser Saison etwa zehn Prozentpunkte niedriger. Bei Eckbällen übervölkert Arsenal den gegnerischen Fünfmeterraum, zur Not flippert der Ball schon irgendwie ins Tor.
Hässlicher Fußball? Dem widerspricht der Trainer natürlich. "Für mich ist es wunderschön", sagte Mikel Arteta. "Es ist so viel Qualität auf dem Platz, deshalb sind die Unterschiede sehr, sehr klein. Am Ende entscheiden einzelne Duelle diese Spiele."
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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