
In diesem Monat ist wieder ESC, eines der weltweit meistgesehenen Kultur-Events des Jahres. Wie gewinnt man eigentlich diese Show? Sollte man einen Disco-Song über ein historisches Ereignis einreichen wie einst Abba (1974), lieber allein als Sängerin auftreten statt mit einer Band - wie einst Nicole (1982), Céline Dion (1988), Lena (2010)? Sollte man eindeutige Signale an die queere Community senden wie Dana International (1998), Conchita Wurst (2014), Nemo (2024) und Countertenor JJ (2025)?
Fragen über Fragen. Der Versuch einer aktuellen Annäherung an das Geheimrezept:
Ein großer internationaler Name schadet eher
Seit Jahren wird in Deutschland immer wieder "der große Name" eingefordert, um mal wieder den ESC zu gewinnen. Aber ist das sinnvoll? Einige Stars wurden durch den ESC geboren - das heißt: erst groß gemacht, darunter Abba, Céline Dion und Julio Iglesias. Wer schon einen Namen hat und denkt, diese Prominenz könne doch helfen, das Ding zu gewinnen, kann ziemlich auf die Nase fallen.
Prominente Beispiele dafür sind etwa Bonnie Tyler für Großbritannien 2013 (19. Platz von 26 Finalteilnehmern) oder Engelbert Humperdinck für Großbritannien 2012 (Platz 25) oder auch der US-Rapper Flo Rida für San Marino 2021, der zusammen mit der italienischen Sängerin Senhit antrat (Platz 22). Dieses Jahr stellt sich die Frage, ob bei Senhits erneuter Teilnahme der 80er-Jahre-Superstar Boy George als Sidekick dem Ministaat San Marino etwas bringt.
Auf die ominösen Jurys kommt es an
Seit Jahren haben neben dem Publikum auch nationale Jurys, bestehend aus sogenannten Experten und von den TV-Sendern bestimmt, gleichberechtigtes Stimmrecht im ESC-Finale. Das führte in den vergangenen drei Jahren zu seltsamen Blüten, denn dem Publikumsvoting zufolge hätten ganz andere Länder gewonnen, als es am Ende der Fall war.
2023 wäre Finnland statt Schweden Sieger gewesen, 2024 Kroatien statt der Schweiz, 2025 Israel statt Österreich. Jedes Mal hatte sich das Jury-Vote mit besonders vielen Punkten für den Sieger durchgesetzt.
Zugegeben: Seit der Wiedereinführung im Jahr 2009 waren die Jurys nicht immer das Zünglein an der Waage. Doch gerade in den vergangenen beiden Jahren war der ESC auffällig weit von einem Einklang von Jury- und Tele-Voting entfernt. Nemo 2024 war beim Publikum nur Fünfter, JJ 2025 war nur Vierter.
Um den ESC zu gewinnen, müsste man also nach aktuellem Stand besonders den Jurys gefallen und für die sogenannten Experten eine "musikalisch wertvolle" Nummer einreichen statt eines massenwirksamen Pophits.
Operatic Pop scheint gerade sehr angesagt zu sein
Klar, Trends sind fragil, aber es ist kaum zu übersehen, dass sich sogenannter Opern-Pop zum großen Ding entwickelt hat. Bei aller Unterschiedlichkeit lassen sich sowohl das Siegerlied von 2024 ("The Code", Nemo) als auch das von 2025 ("Wasted Love", JJ) in diese Schublade stecken.
Jenseits des ESC verzückt aktuell die spanische Sängerin Rosalía viele Musik-Fans - ihr Hit "Berghain" arbeitet mit Klassik-Elementen und löste einen regelrechten Hype aus.
"Da treffen also Wellenbewegungen von zwei Seiten aufeinander und türmen sich zu einer Art Tsunami der "Elektro-Operette" auf", analysiert der ESC-Experte und Autor Lukas Heinser. Ergebnis: Beim ESC 2026 arbeiten viele Beiträge mit opern- oder operettenhaftem Gesang. Viele Länder sehen ihr Heil also offenbar in dem recht speziellen Genre.
Das war allerdings nicht immer so. 2009 landete etwa Schweden - mit Malena Ernman, der Mutter von Greta Thunberg - nur auf Platz 21 beim ESC in Moskau mit dem wirklich irren Opern-Pop-Song "La Voix".
Experte Heinser ist generell skeptisch. "Die Faustregel beim ESC lautete eigentlich: Wenn du versuchst, einen Song zu machen, der nah am Siegertitel des Vorjahres liegt, vergiss es." Erfolg habe meist eher der "Backlash" - also der bewusste Kontrast zu vorherigen Siegertiteln. "So wie Lenas schlichter Auftritt 2010 als Antwort auf den gigantomanischen russischen Sieg zwei Jahre zuvor betrachtet werden kann", sagt Heinser. Der Erfolg von JJ im Jahr nach Nemo sei also eher die große Überraschung gewesen.
Ein portugiesisches Schweden werden
Schweden gilt als ESC-Muster-Nation. Sieben Siege fuhren die Skandinavier schon ein (ebenso viele wie Irland, denen aber schon länger nichts mehr gelang). Muss man also mehr Schweden wagen, um zu gewinnen?
"Letztlich müssen Song und Inszenierung eine glaubwürdige Einheit bilden, die den jeweiligen Zeitgeist trifft", betont Experte Lukas Heinser. Die Schweden seien zwar bisweilen überzeugt davon, die geheime ESC-Formel entschlüsselt zu haben - dennoch sei es auch bei ihnen eine Gratwanderung. "Sie neigen zu absolut perfekten Inszenierungen mit gestriegelten Acts, bei denen jede Bewegung sitzt", sagt Heinser. Auf den Rest Europas könne das mitunter aufdringlich oder "betont lässig wie ein Sportstudent auf einer Party" wirken.
Dennoch plädiert der Experte dafür, den Blick zu weiten. Portugal etwa sei ein gutes Beispiel. Das Land gewann 2017 den Song Contest. "Sie schicken ihre Acts mit einer maximalen Überzeugung und Hingabe dorthin, völlig egal, ob das dem europäischen Mainstream-Geschmack entspricht oder nicht. Manchmal scheitern sie damit krachend im Halbfinale, aber oft funktioniert es gerade deshalb, weil die Leute in Europa diese Leidenschaft spüren", sagt Heinser. "Dieser Ansatz, sich eher authentisch zu repräsentieren als krampfhaft gewinnen zu wollen, ist etwas, wovon wir in Deutschland lernen könnten."
Barfuß das tödliche Tempo vermeiden
Den ESC gibt es seit 1956. An Statistiken zu Tempo, Tonart oder durchschnittlicher Vokal-Anzahl von Siegertiteln mangelt es also nicht. ESC-Spezialisten etwa raunen sich gern die Erzählung vom "tödlichen Tempo" 128 bpm (beats per minute) zu. "Auffallend viele letzte Plätze in den letzten Jahrzehnten waren in dieser Geschwindigkeit", schreibt Lukas Heinser in seinem Nachschlagewerk "ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis". Die erfolgreichste Tonart dagegen sei a-Moll, die meisten Siegeracts waren weiblich. Auffallend auch: Fünf Personen haben den ESC bislang barfuß gewonnen.
Sollte man daraus den Schluss ziehen, dass man am besten eine barfüßige Frau schickt, die in a-Moll ein Lied mit mehr als 128 bpm singt? So einfach ist das natürlich nicht. Was in anderen Lebensbereichen funktioniert - aus der Vergangenheit auf die Zukunft schlussfolgern - ist beim ESC Unsinn. Der Zeitgeist spielt eine zu große Rolle. Und der ist bekanntlich wankelmütig. Nicoles Sieg 1982 mit dem Völkerverständigungslied "Ein bisschen Frieden"? Womöglich auch mit dem Falklandkrieg im selben Jahr zu erklären.
Der ESC-Experte Matthias Breitinger wagt sich in seinem Buch "Europe - 12 Points! Die Geschichte des Eurovision Song Contest" dennoch an eine Art Siegesrezept: "Mit Gimmicks tendenziell sparsam sein; ein Lied aus einem gängigen Genre komponieren, das im Aufbau den Erwartungen der Massen entspricht; den Wettbewerb ernst nehmen, aber als Interpret in den entscheidenden drei Minuten sich Nervosität bloß nicht anmerken lassen." Das sei eine "grobe Erfolgsformel".
Im gleichen Buch warnt der Autor allerdings noch vor Nischengenres. Es gehe um Pop. "Darum hat auch Operngesang beim Song Contest nie reüssiert."
Breitinger schrieb das 2016 auf - ein Jahrzehnt vor Nemo und JJ. Vom folgenden Zeitgeist konnte er nichts wissen. Der ESC schreibt seine Regeln schneller um, als Experten sie notieren können.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
Weitere News zum "Eurovision Song Contest":
NEUESTE BEITRÄGE
- 1
Bayer Leverkusen News: "Ein Unding": Schlotterbeck-Frage spaltet BVB12.04.2026 - 2
Hannover 96: So ist die Ausgangslage vor FC St. Pauli am 17.10.202617.10.2026 - 3
Ottersweier: Von Heuballen getroffen - 89-Jähriger nach Unfall gestorben17.06.2026 - 4
NBA Finals Liveticker: Portland Trail Blazers vs. San Antonio Spurs Spielverlauf und Punkte25.04.2026 - 5
Handball-EM 2026: Endspiel für DHB-Coach Gislason? Verband lässt Zukunft offen19.01.2026 - 6
Bad Freienwalde: Ein Jahr nach dem Angriff: Demokratiefest als Zeichen31.05.2026 - 7
Kriminalität: Prozess um riesige Drogen-Plattform im Darknet beginnt27.09.2026 - 8
Hertha BSC News: Ein Torschuss reicht: Kiel gewinnt bei der Hertha25.04.2026 - 9
Borussia Dortmund - FC Augsburg im Live-Stream und TV: Gehen die Punkte am 26. Spieltag nach Augsburg oder bleiben bei Dortmund?11.03.2026 - 10
NHL: Pittsburgh Penguins erwarten Utah Mammoth zum nächsten NHL-Duell29.10.2026 - 11
Kriminalität: Tödliche Polizeischüsse: Gewerkschaft plädiert für mehr Taser24.01.2026 - 12
WTA Tennis in Miami Ergebnis: Muhammad / Routliffe beherrscht das Match gegen Kato / Yang23.03.2026 - 13
Tennis News: Zverev in Melbourne souverän im Viertelfinale25.01.2026 - 14
NHL: Blue Jackets gewinnen 2:1 gegen Golden Knights nach Verlängerung: T. Hertl zieht ab auf dem Eis25.10.2026 - 15
Helene Fischer auf Tour 2026/2027: Diese Termine dürfen Sie nicht verpassen14.02.2026
Ähnliche Artikel
Minnesota Timberwolves vs. LA Clippers heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Dallas Mavericks vs. Houston Rockets heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Miami Heat vs. Indiana Pacers heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Prudential Hong Kong Tennis Open Live: Spielplan des Tages - Alle Matches im Ticker31.10.2026
Chennai Open Live: Spielplan des Tages - Alle Matches im Ticker31.10.2026
Unfall: Acht Verletzte auf A5 - großes Trümmerfeld31.10.2026
Toronto Raptors vs. Orlando Magic heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Philadelphia 76ers vs. New York Knicks heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Brooklyn Nets vs. Detroit Pistons heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Boston Celtics vs. Chicago Bulls heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Frankreich: Bardots Witwer streitet mit Stiftung um Haus und Nachlass31.10.2026
Fußball News: Fünfmal Gelb in MLS: Warum Messi dennoch nicht gesperrt wird31.10.2026
Washington Wizards vs. Charlotte Hornets heute live: NBA-Liveticker & Spielstand31.10.2026
Formel 1 News: Formel-1-Krönung rückt näher: Antonelli im Trainingssoll31.10.2026
Hagen vs. RASTA: Team von Christian Held feiert Auswärtssieg30.10.2026
Fußball News: Argentinien-Torwart Martínez: Finger sah aus "wie Blutwurst"30.10.2026
Fußball News: Exaktes Ballon-d'Or-Ergebnis: So knapp lag Kane vor Mbappé30.10.2026
SV 07 Elversberg vs. FSV Mainz 05: Cole Campbell lässt nichts mehr anbrennen! Mainz fährt ohne Punkte gegen Elversberg nach Hause30.10.2026
DSC Arminia Bielefeld vs. Eintracht Braunschweig: Doppelpacker Grodowski! Braunschweig fährt ohne Punkte aus Bielefeld nach Hause30.10.2026
Fortuna Düsseldorf vs. SV Meppen: Nullnummer in Düsseldorf! Fortuna und Meppen teilen sich die Punkte30.10.2026











