
Die einzelnen Zwischenrufe gehen im Gesang des israelischen Eurovision-Kandidaten Noam Bettan fast unter. "Free, free Palestine!", "Freiheit für Palästina", ist etwa während des ersten Halbfinales des Eurovision Song Contest in Wien zu hören. Zwar boykottieren fünf Länder den diesjährigen Wettbewerb wegen der Teilnahme Israels, doch in Wien sind größere Proteste vorerst ausgeblieben. Dennoch kann die glitzernde Inszenierung des Mega-Events die politischen Konflikte im Hintergrund nicht überdecken.
Wie es zu der Kontroverse kam:
Israel ist fest im ESC verankert und ist Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den Musikwettbewerb veranstaltet. Bereits vier Mal haben israelische Songs gewonnen, zuletzt 2018. Doch der Gaza-Krieg hat die Lage verändert. Im Oktober 2023 verübten die Hamas und weitere islamistische Terrororganisationen in Israel ein Massaker. Israel schlug im Gazastreifen massiv zurück.
Schon beim Wettbewerb in Malmö 2024 und auch in Basel 2025 gab es israelkritische Demonstrationen auf den Straßen sowie einzelne Pfiffe und Buhrufe im Saal. Diesmal bleiben fünf Länder aus Protest gegen die Teilnahme Israels und gegen sein militärisches Vorgehen im Gazastreifen dem ESC fern: Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien haben keine Musikerinnen und Musiker nach Wien geschickt. Einige der zuständigen Fernsehsender verzichten dort sogar komplett auf die Ausstrahlung.
Welche Demonstrationen in Wien noch erwartet werden:
Bislang ist die ESC-Woche ruhig verlaufen. Einige propalästinensische Aktivisten stellten auf einem belebten Wiener Platz am Dienstag symbolisch Sarg-Nachbildungen auf, um auf die Zehntausenden Toten im Gazastreifen aufmerksam zu machen. Doch am Freitag und am Tag des ESC-Finales am Samstag rechnet die Polizei mit großen Demonstrationen mit jeweils mehreren Tausend Menschen. Am Samstag ist aber auch eine proisraelische Kundgebung geplant. "Jedenfalls ist die Wiener Polizei auf alle Eventualitäten vorbereitet", sagt ein Polizeisprecher.
Warum auch der Ukraine-Krieg eine Rolle spielt:
Propalästinensischen Kritiker der Teilnahme Israels und auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verweisen auf die Schritte, die die EBU nach Beginn des Ukraine-Kriegs einleitete. Damals wurde Russland wegen seines Einmarsches ins Nachbarland vom ESC 2022 ausgeschlossen, russische Sender wurden von der EBU suspendiert. Da die Rundfunkunion bei Israel anders handelte, warf Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard der EBU "Feigheit" und "krasse Doppelmoral" vor. Verteidiger der Teilnahme Israels sehen anders die Aktivisten dagegen einen Unterschied zwischen Russlands Angriffskrieg und Israels Reaktion auf einen Terrorangriff.
Wie sich Deutschland positioniert:
Die deutsche Regierung unterstützt klar die ESC-Teilnahme Israels und lehnt einen Boykott ab. "Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten", sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vor dem Finale zu Journalisten. Der parteilose Politiker kündigte gleichzeitig an, zum Finale nach Wien zu reisen, um sich den Auftritt des israelischen Sängers Bettan anzuhören. Auch der deutschen Teilnehmerin Sarah Engels drücke er die Daumen, sagte er dem Sender ntv.
Wie Israelis über den Boykott denken:
Viele Menschen in Israel nehmen den ESC-Boykott als einseitig wahr. Aus ihrer Sicht ignorieren die Kritiker Israels das Massaker der Hamas, das den Gaza-Krieg ausgelöst hat. Zudem ärgern sich viele, dass nicht zwischen ihnen und der israelischen Führung unterschieden wird. Die Forderung, Künstler aus Israel auszuschließen, sehen sie als Kollektivbestrafung.
Wie der Veranstalter die Kontroverse sieht:
Martin Green, der ESC-Direktor der Europäischen Rundfunkunion, nimmt eine demonstrativ gelassene Haltung ein. Es sei ein Zeichen von gesunder Demokratie, dass in Wien gleichzeitig propalästinensische und proisraelische Kundgebungen sowie der ESC stattfänden, sagte er in einer Pressekonferenz. "Ich habe die Debatte diese Woche als respektvoll wahrgenommen", meinte Green. "Vielleicht kann die Welt davon was lernen."
Wieso Israel von der EBU verwarnt wurde:
Nicht nur der Gaza-Krieg sorgt für Streit, sondern auch die Werbekampagnen für israelische ESC-Beiträge. Nachdem Zuschauer im Vorjahr unter anderem in sozialen Medien dazu aufgerufen worden waren, je 20 Stimmen der israelischen Sängerin Yuval Raphael zu geben, änderte die EBU die Regeln und halbierte die maximale Anzahl der Stimmen des Publikums via Online, SMS und Telefonanruf auf 10. Im Gegenzug verzichteten die EBU-Staaten auf eine Abstimmung über die Teilnahme Israels in Wien.
Doch vorige Woche erschienen neue Werbevideos, in denen dazu aufgerufen wurde, diesmal eben zehnmal für Noam Bettan abzustimmen. Die EBU reagierte umgehend: Dieser direkte Aufruf widerspreche den Regeln und der Idee des ESC, hieß es in einer Mitteilung. Nach Angaben der EBU ist es nämlich unter den Eurovision-Fans üblich, ihre Stimmen auf mehrere Kandidaten aufzuteilen. Der israelische Sender KAN sei verwarnt, und die Kampagne sei gestoppt worden, teilte die Rundfunkunion mit.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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